Tag 8 (16.09.2016): WANDERUNG DURCH DIE KARPATEN

ALTERNATIVPROGRAMM: JASINJA


Für diesen Tag bestand einerseits die Möglichkeit an einer mehrstündigen Wanderung durch die umliegenden Karpaten teilzunehmen, wofür sich der Großteil der Exkursionsteilnehmerinnen und -teilnehmer entschied. Der Rest erkundete Jasinja und sah sich unter anderem das Museum der Huzulenrepublik und die Strukiv’ska-Holzkirche, Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes, an. Auch den lokalen Bahnhof, von dem aus die ungarischen Behörden 1941 etwa 14.000 Juden deportierten, besuchte diese Gruppe. Es handelte sich hierbei vorwiegend um Flüchtlinge aus dem benachbarten Galizien, die vor der einmarschierten Wehrmacht geflohen waren. In Absprache mit den deutschen Verbündeten, deportierten die ungarischen Behörden diese Juden in Richtung Kamjanez-Podilskyi, wo sie im August 1941 erschossen wurden. Dieses Massaker besaß eine neue Qualität des Tötens, da hier erstmals alle Juden aus einer Region (der Karpatoukraine und Kamjanez-Podilskyi) ermordet wurden, inklusive Frauen und Kinder.

Eine am Bahnhof in Jasinja 2009 angebrachte Gedenkplakette (siehe Bildergalerie) weist auf diese Geschehnisse auf Hebräisch, Ungarisch und Ukrainisch hin:
„Dem Gedenken unserer jüdischen Geschwister, welche Ungarn waren, oder in Ungarn 1941 Zuflucht suchten. Der damalige ungarische Staat und der unmenschliche Hass der Nationalsozialisten verstieß sie und trieb sie in den Tod. Ihr Andenken sei ihnen zum Segen!”

Kurz nachdem die Wandergruppe zur Unterkunft zurückgekehrt war und den anderen berichtet hatte, das ausgerechnet dem Hund auf der Rückfahrt richtig übel geworden war, ging es weiter mit dem Bus Richtung Grenzübergang.

Oliver Hegedues schildert die Wanderung wie folgt:

„Nachdem wir relativ früh aufgestanden waren, begann die Wanderung in den Karpaten, die unbestritten für viele Teilnehmer der Höhepunkt der Exkursion war. Nachdem die Überlegung, auf den Hoverla zu steigen, den höchsten Berg der Ukraine, aus Zeitgründen fallengelassen werden musste (alleine drei Stunden Fahrtzeit hin und zurück), bestiegen wir einen anderen Berg.

Zunächst gab es starken Nebel. Noch in Jasinja lief uns ein Hund zu, den wir Pani Szarikowa nannten (polnisch für Frau Grau). Der Hund folgte uns die ganze Wanderung über bis zum Abend. Über eine Hängebrücke erreichten wir die Strukiv’ska-Holzkirche aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Diese Holzkirche war die einzige, die wir auf der Exkursion sahen, die sich noch an ihrem ursprünglichen Standort befindet, alle anderen waren versetzt worden.

An der Holzkirche begann der eigentliche Aufstieg. Noch bevor wir den Nebel endgültig verließen, um dem Sonnenschein entgegen zu laufen, musste eine Person wegen Knieproblemen umdrehen und den Weg zurück in das Tal suchen. Der Aufstieg war anstrengend, belohnt wurde man aber mit einem fantastischen Bergblick (mit Hoverla).

Aus Zeitnot mussten wir einen Bus nach unten buchen. Der Wagen, der uns nach unten bringen sollte, war ein alter umgebauter Lastwagen, wir saßen ungepolstert und wurden, da die Strecke ziemlich kurvenreich war, hin und her geschleudert. Für diejenigen, welchen nicht schlecht dabei wurde, war es aber ein großer Spaß.“

An der Grenze angekommen, überquerten wir diese zu Fuß, während unser Busfahrer László mit seinem Bus zu einem anderen Grenzübergang fuhr und abends wieder zu uns stieß. Dieser Aufwand war notwendig, da über die Grenzbrücke nur PKWs, aber keine Busse fahren durften. Wir liefen nach dem Grenzübertritt zu unserem Hotel in Sighet, das sehr gut gelegen war, auch wenn das Gepäck natürlich irgendwann schwer wurde und wir außerdem inzwischen zwei bis drei Lädierte (Knöchel verstaucht, Knieschmerzen etc.) hatten. Nach der obligatorischen,  etwas länger dauernden Zimmerverteilung, blieb kurz Zeit, um sich frisch zu machen, bevor ein üppiges Abendessen im Hotelrestaurant auf uns wartete. Teil des Menüs war auch ein selbstgebrannter Pálinka, der nicht von allen erwünscht war, aber sorgsam auf die Gruppe aufgeteilt wurde. Wie sich herausstellte war das Personal des Hotels ungarischsprachig, was den Exkursionsteilnehmern je nach persönlichen Sprachkenntnissen ermöglichte ungarisch, rumänisch oder englisch mit ihm zu sprechen.

Sonstige Informationen:

– Textempfehlungen:
von Sebastian Paul zu den Deportationen in Jasinja 1941:

– Mallmann, Klaus-Michael: Der qualitative Sprung im Vernichtungsprozeß. Das Massaker von Kamenez-Podolsk Ende August 1941, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 10 (2001), S. 239–264.

– Städteporträts:
Stadtgeschichte von Jasinja:

Jasinja [ukrainisch Ясіня, russinisch Єсінє, tschechisch/ slowakisch Jasiňa, ungarisch Kőrösmező, rumänisch Frasin] ist eine Siedlung städtischen Typs im Rajon Rachiv im Osten der Oblast Transkarpatien. Die Siedlung mit ihren 8.006 Einwohnern (Stand 2001) ist Zentrum der Huzulen, einem Volksstamm in den Karpaten und liegt an den Ausläufern der beiden Gebirgszüge Čornohora (Schwarze Berge) und Svydivec‘. Die erste schriftliche Erwähnung des Ortes unter dem Namen Kreusmezew stammt von 1555.

Der Legende nach gründete der huzulische Schafhirte Ivan Struk die Siedlung mit einer Kirche aus Dankbarkeit darüber, dass er dort seine nach einem Schneesturm zurückgelassenen Schafe im Frühjahr mit Nachwuchs wiederfand. Nach ihm ist die Strukovs’ka-Holzkirche benannt, die allerdings erst 1824 erbaut wurde. Die Kirche gehört zu den wertvollsten Denkmälern der Huzulenarchitektur und wurde 2013 mit fünfzehn anderen Holzkirchen des polnisch-ukrainischen Karpatenteils in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.

Nach dem Zusammenbruch von Österreich-Ungarn wurde in Jasinja im Herbst 1918 eine unabhängige Huzulische Republik ausgerufen. Die Huzulen wehrten sich so gegen die Ungarn, hierbei wurden sie von Ukrainern aus Galizien unterstützt. Die ungarische Armee reagierte auf die Proklamation einer Huzulen-Republik mit dem Einsatz von Truppen. Die rumänische Armee, die den Südosten Transkarpatiens von 1919 bis 1920 für ein Jahr besetzte und Jasinja 1919 eroberte, bedeute das endgültige Ende der Republik.

Von 1919 bis 1939 wurde der Ort stattdessen durch den Vertrag von Trianon ein Teil der Tschechoslowakei. In Jasinja endeten als östlicher Bahnhof die Züge aus Bratislava und Prag. Aus dieser Zeit stammt auch der Spruch „Od Jasini do Aše republika je naše“ (Von Jasinja bis Asch ist die Republik unsere.) 1939 bis 1945 wurde ganz Transkarpatien von Ungarn besetzt, bevor es 1945 an die Sowjetunion ging.

[Für eine ausführlichere Darstellung siehe den Exkursionsreader, Seite 75f.]

– Wettervorhersage::
Monatliche Durchschnittstemperaturen und –niederschläge für im September:
– für Jasinja: Maximal: 18 °C / Minimal: 7 °C / Regentage: 4
– für Sighet: Maximal: 24 °C / Minimal: 10 °C / Regentage: 8

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