Tag 7 (15.09.2016): KARPATOUKRAINE

KULTURELLE HYBRIDITÄT, MINDERHEITENKULTUREN UND EUROPÄIZITÄT

Nach einem gemeinsamen Frühstück in der Nähe des Hotels in Užhorod fuhr uns der Bus am siebten Tag der Reise nach Mukačevo und die Burg Palanok. Wir besichtigten die kleine Ausstellung vor Ort, Helen Schnecker hielt anschließend ihr Referat zu „Ungarn und die Habsburger – Antihabsburgische Aufstände im Historischen Oberungarn”. Dr. Gutsul ergänzte es um Informationen aus der Neueren Geschichte dieser Region.

Wieder wartete eine kleine Busfahrt auf uns, es ging nach Berehove. Dort trafen wir vor der Synagoge eine Angehörige der ungarischen Minderheit, eine Englischlehrerin. Sie führte uns in die Synagoge und zeigte uns danach die Stadt entlang ihrer jüdischen Spuren. Für das anschließende Mittagessen teilten wir uns in zwei Gruppen auf. Da die Reservierung eines Restaurants fehlgeschlagen war, hofften wir, durch diese Aufteilung die beiden ausgewählten Gaststätten nicht zu überfordern und zügig essen zu können. Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht, weshalb sich unser Programm zeitlich nach hinten verschob.

Nach dem Essen stiegen wir ein weiteres Mal in den Bus. Bei dem Denkmal Krasnoje Pole bei Chust hielt Anne Seidel ein Referat zu der Karpatoukraine 1938/39. Der ursprünglich geplante Zwischenhalt am geografischen Zentrum Europas musste auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden, um pünktlich zum Abendessen in Jasinja zu sein, wo wir auch übernachteten.

Sonstige Informationen:

– Textempfehlungen:
von Helen Schnecker zu den anti-habsburgischen Aufständen im historischen Nordostungarn:

– Ekkehard Eickhoff: Venedig, Wien und die Osmanen. Umbruch in Südosteuropa 1645–1700- Stuttgart 1988, S.318–337.
– Gerald Volkmer: Siebenbürgen zwischen Habsburgermonarchie und Osmanischem Reich. Völkerrechtliche Stellung und Völkerrechtspraxis eines ostmitteleuropäischen Fürstentums 1541–1699. Oldenburg 2015, S.577–588.
– Imre Bánkuti: Klassenkampf zwischen ständischen Unabhängigkeitskämpfern und Habsburg-Absolutismus. In: Gusztáv Heckenas (Hg.): Aus der Geschichte der ostmitteleuropäischen Bauernbewegungen im 16.–17. Jahrhundert. Budapest 1977, S.57–61.

von Anne Seidel zur Karpatoukraine 1938/39:

– Jerzy Kozeński: Die Karpaten-Ukraine im Jahre 1938. In: Manfred Alexander/ Frank Kämpfer/ Andreas Kappeler (Hg.): Kleine Völker in der Geschichte Osteuropas. Festschrift für Günther Stökl zum 75. Geburtstag. Stuttgart 1991, S.130–141.
– Kartenmaterial aus Raz Segal: Genocide in the Carpathians. War, Social Breakdown and Mass Violence, 1914–1945. Stanford 2016.

– Städteproträts:
Stadtgeschichte von Berehove:

Berehove [ukrainisch Берегове; russinisch Берегово, tschechisch/ slowakisch Berehovo, ungarisch Beregszász, jiddisch Beregsaz. deutsch Bergsäß/ Sächsich-Bereg] ist eine westukrainische Stadt in der Oblast Transkarpatien ( Zaparpatska Oblast) nahe der ungarischen Grenze ( Entfernung: 5 km). Die Stadt ist Verwaltungssitz des Rajon Berehove, hat knapp 24.500 Einwohner (Stand 2013) und ist kulturelles Zentrum der ungarischen Minderheit in der Ukraine.

Berehoves Geschichte ist ein Wechsel der Zugehörigkeit zu Ungarn, der Tschechoslowakei und der Ukraine. Vom 11. Jahrhundert bis 1919 war Berehove ungarisch, durch den Vertrag von Trianon wurde die Stadt in der Zwischenkriegszeit als Teil der Podkarpatská Rus tschechoslowakisch. Durch den Ersten Wiener Schiedsspruch ging Berehove jedoch bis 1945 wieder an Ungarn.

Nachdem im 11. Jahrhundert eine auf dem Gebiet des heutigen Berehoves liegende Siedlung zerstört worden war, lud König Géza II. (1130–1162) Sachsen ein sich anzusiedeln. Die Neugründung der Siedlung wurde in einem lateinischen Text 1247 mit dem Namen Lampertsas (Lampertszásza) bezeichnet, 1284 erfolgte sie zum ersten Mal als Beregsas.

Nach der deutschen Besatzung Ungarns im März 1944 brachten die Besatzer die jüdische Bevölkerung von Berehove (Anteil an der Gesamtbevölkerung: 30 Prozent) zunächst in ein in der Stadt errichtetes Ghetto. Von dort wurden die Menschen größtenteils nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die Ankunft und Selektion dreier Deportationszüge ungarischer Juden aus der Karpatoukraine, viele von ihnen aus Berehove, zeigen die Fotos des sogenannten Ausschwitz-Albums.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Berehove auf Grundlage eines tschechoslowakisch-sowjetischen Abkommens Teil der sowjetischen Ukraine.

[Für eine ausführlichere Darstellung siehe den Exkursionsreader, Seite 37f.]

– Städteproträts:
Stadtgeschichte von Chust:

Chust [ukrainisch Хуст, russinisch Густ, rumänisch/ slowakisch/ tschechisch Hust, ungarisch Huszt, jiddisch Chest/ Chyst/ Heste] ist eine Stadt in der Oblast Transkarpatien im äußersten Westen der Ukraine und liegt am Fuße eines Berges vulkanischen Ursprungs.

Die befestigte Siedlung Chust wurde erstmals im 10. und 11. Jahrhundert in Chroniken erwähnt. Die Burganlage hatten ungarische Könige zum Schutz des Salzweges und der Salzminen von Solotvyno errichtet lassen. 1242 wurde die Burg durch Tataren vollständig zerstört, anschließend aber wieder aufgebaut. Allerdings brannte die Burg 1766 nach einem Blitzeinschlag in den Schießpulverturm aus, heute sind nur noch Ruinen erhalten.

Von 1281 bis 1321 gehörte Chust zum galizisch-wolhynischen Fürstentum bevor es wieder ungarisch wurde. 1526 wurde es dem transsylvanischen Fürstentum einverleibt, wo es sich zu einem bedeutenden Wirtschafts-, Handels- und Kulturzentrum der Region entwickelte. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde Chust aber auch zum Schauplatz der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den transsilvanischen Fürsten und den Habsburgern.

Zwischen 1703 und 1711 war die Stadt Ausgangspunkt anti-habsburgischer Aufstände. Im Jahr 1703 wurde in Chust die Unabhängigkeit Siebenbürgens ausgerufen und 1709 versammelte sich dort der siebenbürgische Landtag. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie wurde Chust tschechoslowakisch.

Der Erste Wiener Schiedsspruch von 1938 machte Chust zur Hauptstadt der autonomen Karpato-Ukraine. In der einzigen Sitzung des Soym, des Parlaments der Karpato-Ukraine, wurde am 15. März 1939 die staatliche Unabhängigkeit proklamiert. Am Folgetag wurde Chust von Ungarn besetzt, 1945 wurde die Stadt Teil der sowjetischen Ukraine.

[Für eine ausführlichere Darstellung siehe den Exkursionsreader, Seite 42f.]

Stadtgeschichte von Jasinja:

Jasinja [(ukrainisch Ясіня, russinisch Єсінє, tschechisch/ slowakisch Jasiňa, ungarisch Kőrösmező, rumänisch Frasin] ist eine Siedlung städtischen Typs im Rajon Rachiv im Osten der Oblast Transkarpatien. Die Siedlung mit ihren 8.006 Einwohnern (Stand 2001) ist Zentrum der Huzulen, einem Volksstamm in den Karpaten und liegt an den Ausläufern der beiden Gebirgszüge Čornohora (Schwarze Berge) und Svydivec‘. Die erste schriftliche Erwähnung des Ortes unter dem Namen Kreusmezew stammt von 1555.

Der Legende nach gründete der huzulische Schafhirte Ivan Struk die Siedlung mit einer Kirche aus Dankbarkeit darüber, dass er dort seine nach einem Schneesturm zurückgelassenen Schafe im Frühjahr mit Nachwuchs wiederfand. Nach ihm ist die Strukovs’ka-Holzkirche benannt, die allerdings erst 1824 erbaut wurde. Die Kirche gehört zu den wertvollsten Denkmälern der Huzulenarchitektur und wurde 2013 mit fünfzehn anderen Holzkirchen des polnisch-ukrainischen Karpatenteils in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.

Nach dem Zusammenbruch von Österreich-Ungarn wurde in Jasinja im Herbst 1918 eine unabhängige Huzulische Republik ausgerufen. Die Huzulen wehrten sich so gegen die Ungarn, hierbei wurden sie von Ukrainern aus Galizien unterstützt. Die ungarische Armee reagierte auf die Proklamation einer Huzulen-Republik mit dem Einsatz von Truppen. Die rumänische Armee, die den Südosten Transkarpatiens von 1919 bis 1920 für ein Jahr besetzte und Jasinja 1919 eroberte, bedeute das endgültige Ende der Republik.

Von 1919 bis 1939 wurde der Ort stattdessen durch den Vertrag von Trianon ein Teil der Tschechoslowakei. In Jasinja endeten als östlicher Bahnhof die Züge aus Bratislava und Prag. Aus dieser Zeit stammt auch der Spruch „Od Jasini do Aše republika je naše“ (Von Jasinja bis Asch ist die Republik unsere.) 1939 bis 1945 wurde ganz Transkarpatien von Ungarn besetzt, bevor es 1945 an die Sowjetunion ging.

[Für eine ausführlichere Darstellung siehe den Exkursionsreader, Seite 75f.]

– Wettervorhersage:
Monatliche Durchschnittstemperaturen und –niederschläge im September:
– für Berehove: Maximal: 24 °C/ Minimal: 9 °C/ Regentage: 1
– für Chust: Maximal: 27 °C/ Minimal: 11 °C/ Regentage: 6
– für Jasinja: Maximal: 18 °C / Minimal: 7 °C / Regentage: 4

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