Tag 5 (13.09.2016): BARDEJOV UND PREŠOV

DIE OSTSLOWAKEI UND IHR MULTIETHNISCHES/ MULTIKULTURELLES ERBE

Bardejov als jüdisches Suburbium sollte das erste Thema des fünften Tages unserer Exkursion sein, ein Referat hierzu hatte Jaqueline Winkel vorbereitet.

Nach etwas Suche fanden wir Peter Hudák, mit dem wir in Bardejov verabredet waren. Der Historiker engagiert sich mit seinem Vater für die Bewahrung und Dokumentation der jüdischen Geschichte der Stadt. Sie führten uns durch jüdische Stätten in Bardejov wie die Synagoge oder den Friedhof, was wirklich beeindruckend war.

Leider dauerte dies länger als gedacht, sodass wir etwas unter Zeitdruck gerieten und Daniel Müller sein Referat über das Russinische im Bus per Bordmikrofon auf der Fahrt nach Prešov halten musste. In Prešov trafen wir uns dann mit Peter Švorc. Nach einem gemeinsamen Mittagessen sah der ursprüngliche Plan vor, eine Stadttour mit thematischem Schwerpunkt auf die Russinen, der Karpatoukraine und der multiethnischen Ostslowakei zu machen.

Herr Švorc ging hierzu mit uns zunächst in ein russinisches Museum. Dort empfing uns die Direktorin und ihr Mitarbeiterstab. Der Besuch unserer Reisegruppe wurde nicht nur mit Fotos dokumentiert, sondern auch per Video! Die Museumsdirektorin führte uns derweil durch sämtliche Räume. Leider stellten sich ihre Ausführungen als äußerst ausführlich heraus, weshalb trotz mehrmaliger Bitten, das Ganze abzukürzen, die restliche Stadttour abgesagt werden musste.

Diese zumindest teilweise nachzuholen war nicht möglich, da bereits der nächste Programmpunkt anstand. Dabei handelte es sich einen Besuch bei Frau Dr. Anna Plišková, Leiterin des Instituts für Russinische Sprache und Kultur an der Universität in Prešov, und weiteren linguistischen und politischen Aktivisten in der Russinenfrage. Frau Dr. Pliškova stellte uns unter anderem die Arbeit und das Wirken ihres Instituts vor, bevor sie und ihre Kolleginnen und Kollegen für Fragen zur Verfügung standen.

Dieser Tag war ein gutes Beispiel für die Sprachenvielfalt, die diese Exkursion ausmachte und nicht nur in unseren Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern begründet lag, sondern auch in unserer Reisegruppe, in der natürlich jeder unterschiedliche Sprachvoraussetzungen mit sich brachte. Während Herr Hudák uns Bardejov auf Englisch näher brachte, erklärte uns die Museumsdirektorin in Prešov die russinische Kultur auf Slowakisch, Herr Švorc übersetzte ins Deutsche. Frau Pliškova schließlich sprach Russisch, einzelne Gruppenmitglieder übersetzen dabei für ihre Sitznachbarn.

Sonstige Informationen:

– Textempfehlungen:
von Jaqueline Winkel zu Bardejov als jüdischem Suburbium:

– The Old Synagoge – Restauration Project (Flyer)
– Mosche Atlas: Die jüdische Geschichte der Stadt Bartfeld (Bartfa) und des Bades Bardejov in der Tschechoslowakei. In: Zeitschrift für die Geschichte der Juden. 3. Jhg. 1966 (1,2/3,4), S.151–171.

von Daniel Müller zum Russinischen:

– Paul Robert Magocsi: A Borderland of Borders: The Search for a Literary Language in Carpathian Rus‘. In: Tomasz Kamusella/ Motoki Nomachi/ Catherine Gibson (Hg.): The Palgrave Handbook of Slavic Language, Identities and Borders. Basingstoke 2016, S.101– 123.
– Michael Moser: A New-Old Language In-Between Nations and States. In: Tomasz Kamusella/ Motoki Nomachi/ Catherine Gibson (Hg.): The Palgrave Handbook of Slavic Language, Identities and Borders. Basingstoke 2016, S.124 – 139.

– Städteporträts:
Stadtgeschichte von Bardejov:

Bardejov (deutsch Bartfeld, ungarisch Bártfa, tschechisch Bardijov/ Bardiów, russinisch Бардеёв, romanes Bartwa) ist architektonisch die gotischste Stadt der Slowakei. Ende 2010 erhielt die ostslowakische Stadt aufgrund ihres vollständig erhaltenen mittelalterlichen Stadtkerns und des jüdischen Suburbiums des Status eines UNESCO-Weltkulturerbes.

Bardejov liegt in der Region Šariš (deutsch Scharosch, ungarisch Sáros) in den Niederen Beskiden und am Rand der Ondavská vrchovina (übersetzbar mit Ondauer Bergland). Das Gebiet der heutigen Stadt zog bereits in der Steinzeit Siedler an, sie selbst entstand später aus einer slawischen Siedlung. Erste schriftliche Erwähnungen stammen aus den Jahren 1241 und 1242, damals stand Bardejov unter der Herrschaft des ungarischen Königs.

Im 14. Jahrhundert entwickelte sich die Bardejov zu einem Zentrum des Handwerks und des Handels, seine größte Blüte als eine der größten und reichsten Städte Oberungarns und als Mitglied der Pentapolitana erreichte die Stadt im 15. Jahrhundert.

Wirtschaftlicher Niedergang und Seuchen beeinflussten die weitere Stadtentwicklung, erst im Laufe des 18. Jahrhunderts erreichte die Stadt durch die Zuwanderung von Slowaken und chassidischen Juden wieder die Größe, die sie bereits im 16. Jahrhundert gehabt hatte. Im 19. Jahrhundert konnte Bardejov stark von der Industrialisierung in der Region profitieren. Die Gründung der Tschechoslowakei beendete diese wirtschaftliche Entwicklung jedoch.

[Für eine ausführlichere Darstellung siehe den Exkursionsreader, Seite 7f.]

Stadtgeschichte von Prešov:

Prešov (deutsch historisch Eperies, von 1939 – 1945 Preschau, ungarisch Eperjes) ist nach Bratislava und Košice die drittgrößte Stadt der Slowakei ( Stand 2011: 91. 782 Einwohner). Darüber hinaus ist Prešov Zentrum der tradtionellen Landschaft Šariš.

Wie Bardejov war Prešov ein sehr früher Siedlungsort, die erste schriftliche Nennung als Epuries datiert jedoch auf das Jahr 1247. Nach den Tatareneinfällen von 1241/1242 und den damit verbundenen Verwüstungen siedelten sich auf Einladung des ungarischen Königs Béla IV. (1206 – 1270) die ersten sächsischen Kolonisten an.

Im 16. und 17. Jahrhundert wurde Prešov ein Bollwerk der reformierten Kirche in Ungarn. Die Unterstützung des anti-habsburgischen Aufstands unter Emmerich Thököly (1657–1705) durch die Stadt veranlasste Kaiser Leopold I. (1640–1705) im September 1687 das sogenannte Eperieser Blutgericht abhalten zu lassen. In dessen Verlauf wurden 24 protestantische Bürger und Adlige zum Tode verurteilt.

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Prešov den Versuch einen kommunistischen Staat zu gründen. Der am 16. Juni 1919 proklamierte Slowakische Rat der Republiken war jedoch nur von kurzer Dauer, noch im gleichen Jahr wurde Prešov Teil der Tschechoslowakei.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden 90 Prozent der Juden der Stadt (20 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung Prešovs) in Konzentrationslagern umgebracht. Die Stadt selbst wurde im Laufe des Slowakischen Nationalaufstands im September 1944 bombardiert. Am 19. Januar 1945 erfolgte die Befreiung von den deutschen Besatzungstruppen durch die Sowjetarmee und das Erste Tschechoslowakische Armeekorps.

[Für eine ausführlichere Darstellung siehe den Exkursionsreader, Seite 173ff.]

– Wettervorhersage:
Monatliche Durchschnittstemperaturen und –niederschläge im September:
– für Bardejov: Maximal: 22 °C/ Minimal: 11 °C / Regentage: 7
– für Prešov: Maximal: : 22 °C/ Minimal: 9 °C / Regentage: 7

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