Tag 10 (18.09.2016): BAIA MARE, GHERLA UND CLUJ-NAPOCA

WESTLICHES SIEBENBÜRGEN: KULTURELLER ÜBERLAGERUNGSRAUM; RUMÄNISCHE, ARMENISCHE, UNGARISCHE, JÜDISCHE UND DEUTSCHE TRADITION


Die heutige Busfahrt führte uns nach Baia Mare und wieder nutzten wir sie für ein Referat per Bordmikro. Diesmal war Laura Eckhardt mit der Stadtgeschichte Baia Mares an der Reihe. Vor Ort erwartete uns eine deutschsprachige Reiseleiterin. In der Stadt fand gerade ein zweitägiges Festival der ungarischen Minderheit statt, die 39 Prozent der Stadtbevölkerung Baia Mares umfasst. Auch unsere Reiseleiterin nahm als Angehörige der Minderheit daran teil und trug das offizielle Festivalshirt. Bald mussten wir weiter, nicht ohne dass ein Großteil der Gruppe vorher noch eine Toilettenpause einforderte.

Nächster Halt war Gherla, Ana Perković erzählte uns auf der Busfahrt dorthin in ihrem Referat mehr über Gherla und die Armenier. Bei Ankunft erwartete uns eine Doktorandin von Herrn Balogh, ebenfalls Ungarin. Sie zeigte uns auf Deutsch das Stadtzentrum, danach machten wir uns an einem späten Sonntagmittag auf die Suche nach einem Mittagessen in dem kleinen Städtchen.

Anschließend stand die Fahrt nach Cluj-Napoca auf dem Programm. Dort waren wir in einem Hotel der Universität untergebracht. Nach der Zimmerverteilung blieb etwas freie Zeit bis zum Treffpunkt am Hoteleingang. Dort wurden wir von mehreren Taxis eingesammelt, die uns zu einem Restaurant brachten, wo Vertreter der Universität für ein traditionell rumänisches Essen auf uns warteten. Überrascht und auch ein bisschen geschockt durften wir feststellen, dass so mancher Taxifahrer ein Tablet hinter das Lenkrad geklemmt hatte und während der Fahrt nicht nur die Straße, sondern auch darauf laufende Filmen, das Radio, die blinkenden Taxi-App auf dem Navigationsgerät sowie das Gespräch mit seinen Fahrgästen im Blick behielt.

Sonstige Informationen:

– Textempfehlungen:
von Laura Eckhardt zur Stadtgeschichte Baia Mares:

– Erkenntnisse aus den Lokalwahlen in Rumänien. Artikel vom 21.06.2016. In: Siebenbürgische Zeitung der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen.

von Ana Perković zu Gherla und den Armeniern:

– Nicolae Sabău: “Armenopolis” oder das Barock in Gherla (18.–19. Jahrhundert). In: Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde 14 (1991), S.47–67, hier S. 47–52.

– Städteporträts:
Stadtgeschichte von Baia Mare

Baia Mare [deutsch Frauenbach/ Groß-Neustadt, ungarisch Nagybánya] ist eine Stadt in Nordwest-Rumänien am Westrand der Ostkarpaten mit 148.581 Einwohnern (Stand 2014). Die heutige Hauptstadt des Kreises Maramureş wurde 1142 erstmals urkundlich erwähnt. Diese älteste schriftliche Erwähnung steht im Zusammenhang mit der Ansiedlung von Deutschen in Rivulus Dominarum (lateinischer Name der Stadt) durch den ungarischen König Géza II. (1130–1162).

Zur neueren Geschichte der Stadt ist der Dammbruch vom 30. Januar 2000 zu erwähnen. Damals entstand in der örtlichen Golderz-Aufbereitungsanlage nach starken Regenfällen eine 25 Meter breite und 2, 5 tiefe Bresche in einer Absetzanlage für metallurigische Abfälle. Dabei lief mit Schwermetallen belasteter Schlamm in das umliegende Areal aus und gelangte über kleinere Flüsse in Theiß und Donau. Die Folge war eine schwere Umweltkatastrophe (Fischsterben, sonstige Schädigungen des Ökosystems der Flüsse, Ablagerung von giftigen Schwermetallen in den Böden) weshalb in einer Studie von 2006 über die am stärksten verseuchten Städte der Welt auch Baia Mare aufgelistet wird.

[Für eine ausführlichere Darstellung siehe den Exkursionsreader, Seite 1ff.]

Stadtgeschichte von Gherla

Gherla [deutsch Neuschloss/ Armenierstadt/ Armenerstadt, ungarisch Szamosújvár, armenisch Hayakaghak] ist eine Stadt mit 20. 982 Einwohnern (Stand 2011) im Kreis Cluj in der Region Siebenbürgen. Das Gebiet des heutigen Gherla wurde bereits in der Antike besiedelt, was unter Ausgrabungen von Siedlungsresten einer römischen Festung zeigen. Die erste schriftliche Erwähnung Gherlas in einer Urkunde von König Andreas III. (1265–1301) als Dorf mit dem Namen Gherlahida datiert auf das Jahr 1291.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts began Ioan Zapolya (1487–1549), Wojewode von Siebenbürgen und ab 1526 König von Ungarn und Kroation, im Nordwesten Gherlas mit dem Bau einer Festung. Von diesem Bau, der nach seinem Tod fortgesetzt wurde, leiten sich der deutsche und der ungarische Name Gherlas ab: Szamosújvár ( Neue Burg am Somesch) bzw. Neuschloss.

Zusammen mit Dumbrăveni, einer Kleinstadt im Kreis Sibiu, war Gherla Zentrum der armenischen Kultur in Siebenbürgen bzw. damals im Königreich Ungarn. Rund 3.000 armenische Familein waren 1671/ 1672 aus der Moldau nach Siebenbürgen geflohen und hatten sich mit der Erlaubnis des Fürsten Michael I. Apafi (1632–1690) angesiedelt. In den 1690er Jahren ließen sich Armenier neben dem bestehenden Dorf in Gherla nieder. Dort gründeten sie 1700 mit Erlaubnis des Kaisers Leopold II. (1747–1792) gegen Pachtgebühren für das Land Armenierstadt.

Im Laufe des 18. Und 19. Jahrhunderts wuchsen beide sowie weitere umliegende Siedlungen zu einer zusammen. Die Armenier und ihre Städte genossen durch ihre wichtige Rolle im Handel herrschaftliche Privilegien. Die siebenbürgischen Armenier wurden im Laufe der Jahrhunderte größtenteils magyarisiert, v.a. die armenische Stadtbevölkerung nahm im 19. Jahrhundert zunehmend die ungarische Sprache und Kultur an.

Neben der ehemaligen armenischen Bevölkerung ist eine weitere Besonderheit Gherlas die nach etwa 1730 nachweisbare gezielte Anlage der Stadt im Barockstil.

[Für eine ausführlichere Darstellung siehe den Exkursionsreader, Seite 65f.]

Stadtgeschichte von Cluj-Napoca

Cluj-Napoca [deutsch Klausenburg, ungarisch Kolozsvár, jiddisch Kloiznburg] liegt im Westen Siebenbürgens und ist mit 324.576 Einwohnern (Stand 2011) nach Bukarest die zweitgrößte Stadt Rumäniens. 1974 verfügte Nicolae Ceauşescu die Namensänderung von Cluj in Cluj-Napoca und verwendete dabei die Bezeichnung zweier Siedlungen auf dem heutigen Stadtgebiet. Im Jahr 108 wurde erstmals der Namen Napuca erwähnt, dagegen wurde Cluj zuerst 1173 in einer Urkunde verwendet.

Die damalige Siedlung war zu römischer Zeit Haupstadt der Provinz Dacia Porolissensis. Als solche erwähnte sie bereits der griechische Universalgelehrte Ptolomäus (etwa 100–160). Zur Zeit der Völkerwanderung und infolge des römischen Rückzugs 271 gingen ihre Bedeutung und ihre Größe jedoch stark zurück. Im Mittelalter profitierte allerdings die Neugründung der Stadt von ihrer besonderen geographischen Lage entlang alter Handelswege. Auf Betreiben des König Stephans V. (1239–1272) siedelten sich sächsische Kolonisten an, von denen der Name Kausenburg stammt. Die ungarischen Könige Karl I. (1288–1342), Sigismund von Luxenburg (1368–1437) und Matthias Corvinus (1458–1490) erweiterten immer wieder die Rechte und Privilegien der Stadt.

Von 1790 bis 1848 und von 1861 bis 1867 war Cluj-Napoca Hauptstadt des habsburgischen Großfürstentums Siebenbürgen, welches nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 ein Teil Ungarns wurde. Durch den Friedensvertrag von Trianon wurde Siebenbürgen dann 1920 Rumänien angegliedert. 1940 gelangte Nordsiebenbürgen mit Cluj auf Grundlage des Zweiten Wiener Schiedsspruchs wieder an Ungarn zurück. 1944 bis 1945 geriet Cluj infolge der deutschen Besetzung Ungarns unter direkte deutsche Verwaltung, 1947 fiel es auf Grundlage der Beschlüsse der Pariser Friedenskonferenz von 1946 an Rumänien zurück.

Den etwa 14.000 jüdischen Einwohnern des ungarischen Cluj waren bereits vor dem deutschen Einmarsch Restriktionen und Zwangsarbeit auferlegt worden, mehrere hundert Juden wurden außerdem nach Kamjanez-Podilskyi [ukrainisch Кам’янець-Подільський] deportiert und dort ermordert. Nach der Besetzung wurden 18.000 Juden aus Cluj/ Klausenburg, Gherla und Umgebung in die Vernichtungslager verschickt. 388 Klausenburger Juden blieben durch eine Vereinbarungg zwischen dem jüdischen Journalisten und Juristen Resző Kasztner und der SS von der Deportation verschont. Bis heute ist umstritten, ob man in Kasztner vor allem einen Helden sehen soll, der insgesamt 1.600 Juden rettete oder einen Kollaborateur der Nationalsozialisten.

[Für eine ausführlichere Darstellung siehe den Exkursionsreader, Seite 61f.]

– Wettervorhersage:
Monatliche Durchschnittstemperaturen und –niederschläge im September:
– für Baia Mare: Maximal: 21 °C/ Minimal: 10 °C/ Regentage: 18
– für Ghera: Maximal: 24 °C/ Minimal: 10 °C/ Regentage: 8
– für Cluj-Napoca: Maximal: 24 °C/ Minimal: 12 °C/ Regentage: 6

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s